Die Attacken auf Paris – wie ich sie erlebt habe!

Freitag, 13. November 2015: Ich bin gerade unterwegs zu einem Studententreff, als ich beim Verlassen des Hauses erstmals auf Twitter von einer Explosion während dem Spiel Frankreich-Deutschland lese. Ich denke mir anfangs, dass es wahrscheinlich nur ein verdammt lautes Bengalfeuerwerk gewesen sein muss. Wenig später erhalte ich jedoch auf Whatsapp folgende Nachricht eines Freundes:

In Paris spielt sich schon wieder die Hölle ab, explosionen, schießerein, 18 bestätigte tote…und die spielen seelenruhig das freundschaftsspiel frankreich – deutschland weiter

Man hat sogar deutlich zwei explosionen im fernsehen gehört!!

Langsam wird mir bewusst, dass hier wieder ein Terroranschlag in Europa verübt worden sein muss. Immer noch sind mir die Geschehnisse von Madrid 2004, London 2005 und Jänner dieses Jahres in Paris in Erinnerung. Also auch diesmal wieder Paris.

Ohne mich näher mit der Thematik beschäftigt zu haben und nur Schlagwörter wie „Terrorattacke“, „Schießerei“, „Selbstmordanschlag“ mitbekomme, ist meine erste Sorge, dass es sich bei den Tätern hoffentlich nicht wieder um Radikalislamisten handelt. Diese Befürchtung hat sich im Nachhinein leider bewahrheitet.

Samstag, 14. November: Ich habe Tickets für ein Benefizspiel in Manchester, an dem Fußballlegenden und -altstars teilnehmen. Nach den Geschehnissen in der vergangenen Nacht wurde von den Organisatoren spät die Entscheidung getroffen, das Spiel nicht abzusagen, sondern planmäßig stattfinden zu lassen. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir und meiner beiden Mitreisenden bereit, es überwiegt jedoch die Vorfreude auf das Spiel. Man sieht deutlich, dass die Sicherheitskontrollen im Stadion verschärft wurden, überall sieht man Gruppen von bewaffneter Polizisten auf Pferden und an den verschiedensten Ecken des Stadions.

Nach Spielende werde ich leider Zeugen von sehr unangenehmen Situationen: drei Mal wurden vor meinen Augen bestimmte Personen mit arabischer Abstammung aus der Menschengruppe zur Seite genommen und befragt. Zwei von denen beschweren sich, dass sie das als unzumutbar empfinden, einfach grundlos von den Polizisten herausgepickt zu werden.

Aber auch mir kommen diese Menschen merkwürdig oder gar gefährlich vor…warum ist das so? Sie tragen Bart, schwarzen, dichten, und ungetrimmten Bart. Auch ich fühle mich plötzlich unwohl. Ich verstehe es, wenn Menschen hierbei eine Ähnlichkeit und Parallele zu jenen Personen, die laufend auf Bildern in Zeitungen als Terroristen dargestellt werden, ziehen. Sofort macht es bei mir Klick und ich schäme mich für meine Gedanken! Wie kann es sein, dass selbst ich, ein Bartträger und Moslem, mich bei solchen Menschen unwohl fühle? Auch ich scheine diese Geschehnisse noch nicht richtig verarbeitet zu haben. Die Medien machen die Sache nicht gerade besser…

(Wenig später erfahre ich, dass Menschen mit starkem muslimischem Glauben sich den Bart oft ungetrimmt wachsen lassen, um auf diese Weise den Propheten Mohammed zu ehren und nachzueifern. Mir war das bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.)

Ich persönliche habe kein Problem damit, aufgehalten und befragt zu werden. Das passiert mir am Flughafen so gut wie jedes Mal, damit muss ich, wie auch viele andere, mittlerweile leben. Europa und Amerika sind  augenscheinlich von einer Welt, die sie nicht verstehen, und einer Gefahr, die sie bisher nicht wahrgenommen haben, traumatisiert. Ich verstehe jedoch, wenn Menschen mit diesem Umstand nicht so umgehen wie ich das tue und diese Tatsache nicht so einfach akzeptieren wollen.

Denn in Grunde genommen, wirft man damit alle Menschen mit einem bestimmten Aussehen und einem bestimmten Religionsglauben in einem Topf: man vergleicht sie mit jenen „Radikalislamisten“, die scheinbar im Namen des Korans unschuldige Menschen kaltblütig ermorden, aber vermutlich selbst diesen kaum lesen können.

Wichtig sind mir daher folgende zwei Klarstellungen:

  • Der Islam ist nicht mit Terrorismus gleichzusetzen. Das wird heutzutage leider immer noch zu häufig getan, vor allem von den Medien. Als Anders Behring Breivik in 2011 alleine 77 Menschen (mehrheitlich Kinder) umbrachte, bezeichnete ihn kaum wer als Terrorist (ein Umstand, der auch seriösem Journalismus auffiel). Das Feindbild Islam wird seit Jahren immer weiter und weiter geschürt. Terrorismus hat jedoch keine Religion!
  • Die Menschen, die momentan zu vielen Tausenden nach Europa strömen, erleben solche Attacken wie jene in Paris tagtäglich und versuchen vor eben genauen jenen zu flüchten. Wenn man all sein Hab und Gut verkauft, sein letztes Geld zusammenkratzt und sich dann den langen und gefährlichen Weg nach Europa begibt, dann nur, weil dieser Weg trotzdem noch sicherer erscheint als das, was einem in der eigenen Heimat erwartet. Diesen Menschen die Schuld an der erhöhten Anschlagsgefahr in Europa zu geben, ist falsch und hilft absolut nicht bei der Lösung dieses Problems. Anschläge gab es vor der Migrantenströmung leider Gottes auch schon und diese werden auch durch härtere Maßnahmen vor diesen Menschen nicht zu verhindern sein.

Die Attacken in Paris waren grauenvoll und tragisch. Das Mitgefühl für die Opfer ist groß. Viele Länder zeigen Solidarität, in dem sie Schweigeminuten durchführen oder bekannte Gebäuden in den Farben der französischen Fahne erleuchten lassen. Bemerkenswert auch eine Aktion von Facebook: mit nur einem Klick kann man sein Profilfoto in diesen Farben eintauchen lassen und so sehr einfach seine persönliche Solidarität zeigen.

Diese Aktion gefällt jedoch nicht allen. Nur einen Tag vor den Attacken in Paris gab es eine Serie von Selbstmordanschläge in Beirut mit Dutzenden von Toten, deren Berichterstattung man in unserer Medienlandschaft nicht annährend so viel Bedeutung beimaß.  Wo blieb hier die Solidarität mit den Opfern? Warum lösen bei uns Anschläge in Paris weitaus mehr Gefühlsregungen hervor als solche in Städten wie Beirut?

Meine Erklärung: Weil wir es nicht gewohnt sind, dass solche Anschläge, von denen wir jeden Tag in den Zeitungen lesen, auch jederzeit bei uns möglich sind. Die Erkenntnis, dass Terroranschläge auch in entwickelten Ländern wie unsere in Europa passieren können, schockiert die Menschen. Genauso wie wir bisher nur fremde Familien aus dem Fernsehen betrauerten, warum sollte es nicht demnächst unsere eigenen betreffen? Wien beispielsweise ist eine Weltstadt im Herzen Europas, warum sollten wir vor solchen Anschlägen sicher sein?

Wie soll man nun mit der Gefahr des Terrorismus im Allgemeinen und dem Problem der ISIS im Speziellen umgehen? Anfangs noch von allen großen Regierungen kleingeredet, wird die Gruppe von Terroristen schon seit längerem nicht mehr unterschätzt. Einzig eine Lösung für das Problem fehlt. Und diese wird es auch in naher Zukunft nicht geben. Zu sehr ist man sich der eigenen Verantwortung für die Fehlentwicklungen nach 9/11 im Nahen Osten bewusst. Es wird Monate, wenn nicht Jahre vergehen, bis man sich gemeinsam für eine nachhaltige Nahostpolitik entscheidet und diese auch langfristig umsetzt. Dafür bedarf es allerdings nicht nur die westlichen Mächte, sondern auch die Hilfe von Staaten wie Saudi-Arabien, Türkei, Russland und dem Iran. Die Lage wird sich auch bei uns in Europa nicht entspannen, solange es solch eine Politik nicht gibt. Die Frage ist nur: Wie lange wird das noch dauern?

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2 Kommentare

  1. prophet · November 21, 2015

    Innerhalb deiner 2 Differenzierungen differnzierst du aber nicht. Gerade beim 2. Punkt ist das meiner Meinung nach dringen notwendig, da werden Menschen deren Familien massakriert wurden vermischt mit passkaufenden Wirtschaftsflüchtlingen und seit letzer Woche zweiffellos auch mitreisenden Sprengstoffgürtelträgern.
    Im Endeffekt werden diese 3 Gruppen dann, trotz gänzlich unterschiedlichem Anspruch, gleich halbherzig im Inland versorgt, verfolgt, unterstützt oder kritisiert.

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    • pedramasadi · November 21, 2015

      Hi prophet, danke für deinen Kommentar! Die Ausdrucksweise war wohl etwas ungeschickt. Ich habe daher versucht, das jetzt klarer zum Ausdruck zu bringen.

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