„Darf er das?“ – Wie weit darf Spaß und Satire gehen?

Beinahe über Nacht wurde Chris Tall zum Starcomedian, Social Media Phänomen und Youtube Star. Nach seinem TV-Auftritt bei TV Total am 26. Oktober hat sich die Anzahl seiner Likes auf Facebook nach etwas mehr als 2 Wochen fast verachtfacht (von 66tausend auf über 520tausend!!!). Sein Slogan „Darf er das?“ wurde sofort zum Hashtag-Knaller und die meisten seiner nächsten Solo-Auftritte sind bereits ausverkauft.

Wer ihn noch nicht kennt, hier eine kurze Zusammenfassung: Chris Tall macht Witze über Frauen, Homosexuelle, Dunkelhäutige und Menschen mit Behinderungen. Hier ein paar Beispiele:

„Frau ist politisch wahrscheinlich nicht ganz korrekt. Das sind Menschen mit Menstruationshintergrund.“

„Ich hatte neulich einen Rollstuhlfahrer in der ersten Reihe. (…) Hat er gesagt: Oh das machst du ganz toll, darf ich auch Comedy machen? Ich sag: natürlich, warum nicht? Ich mein, das heißt Stand-up, aber probiers mal.“ 

„Haben wir heute Rollstuhlfahrer hier? Mal kurz aufstehen.“

„Ich hatte neulich auch einen Schwarzen im Publikum sitzen. Ich dachte zuerst, da sitzt nur ein weißer Pullover.“

Er provoziert und fragt immer wieder in der 3. Person: „Darf er das?“ Eine verdammt gute Frage! Ja darf er das denn überhaupt? Dies ist in keinem Fall auf den rechtlichen Kontext bezogen, sondern rein auf den moralischen. Darf man über Dunkelhäutige gleichermaßen herziehen wie über Hellhäutige? Darf man sich über Menschen mit körperlichen oder psychischen Krankheiten lustig machen? Wie schaut es mit Frauenwitzen aus? „Darf er das???“

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Seinem unglaublichem Erfolg nach zu urteilen: ja. Es scheint bei den Leuten gut anzukommen. Chris Tall trifft mit seinen Aussagen offenbar einen wunden Punkt und spricht damit auch vielen Menschen aus dem Herzen. In Zeiten von viel „Politischer Korrektheit“ (manche meinen zu viel), ist diese Tatsache nicht zu unterschätzen. Ein Grund seines Erfolges steckt zweifelsohne in den Beweggründen seiner Aussagen und Provokationen:

„Wenn ich eine Message habe, was mir wirklich wichtig ist, dann ist es das: ihr müsst mehr lachen!“

„Keiner macht mehr Witze über Rollstuhlfahrer, warum nicht? Ihr müsst Witze machen über alle: über Behinderte, über Schwule, über Schwarze. Es gibt nur eine Regel: ihr müsst auch über euch selber lachen können.“

„Was ich aber am allermeisten hasse, ist das Rassistengelabber, da könnte ich durchdrehen. Viele sagen: „Man macht keine Witze über Schwarze. Das ist Rassismus!“ Das ist das dümmste, was ich je gehört habe! Stellt euch vor, ich mache Witze über alle: über den Fotografen, über dich, über dich, über dich, über dich, über Stefan, über alle, aber nicht über Schwarze, weil ich sag: weil die anders sind. Wisst ihr wie man sowas nennt? Rassismus!“

Genau hier steckt auch die Wurzel seines Erfolges. Warum sollte man in der Tat vor solchen Menschen Halt machen? Laut Definition der Europäischen Union liegt eine unmittelbare Diskriminierung dann vor, wenn man Personen aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft in vergleichbaren Situationen anders behandelt. Indem man Dunkelhäutige oder soziale Randgruppen, wie Menschen mit Behinderungen, von solchen „Späßen“ ausgrenzt, macht man genau das, was man verhindern möchte: man diskriminiert sie, argumentiert Tall. Auch Dr. Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschlandes, meint in der Welt auf die Frage, ob Tall sowas denn überhaupt darf:

„Selbstverständlich darf er das. Es ist tatsächlich eher diskriminierend, jemanden wegen bestimmter Eigenschaften oder Merkmale aus der allgemein üblichen Kommunikation auszuschließen.“

Und dazu gehören nun mal auch Späße über einander. Menschen aus solchen sozialen Randgruppen möchten nicht mit Samthandschuhen angegriffen werden, so die Welt weiter. Chris Tall schließt auch sich selbst nicht aus und macht darüber hinaus auch Witze über sich und seine Figur:

„Ich bin Chris. Ich bin 23. Ich hab Titten. Fick die Dicken!“ 

„Ich hab jetzt auf vier Kinns erhöht. Ich fresse jetzt soviel, bis ich wieder eins werd.“

Ist es nun ok, sich über soziale Randgruppen oder auf Kosten anderer Menschen lustig zu machen? Wie weit darf man nun wirklich gehen? Eine eindeutige Antwort gibt es hierzu nicht. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wo die Grenze zur Geschmacklosigkeit von solchen Späßen und Witzen verläuft. Wichtig ist allerdings, den Respekt gegenüber seinen Mitmenschen zu bewahren. Gerade weil die Meinungen so dermaßen auseinandergehen gehen können, muss man vorsichtig sein, vor wem man sich wie äußert. Ein Stand-up Comedian hat sein eigenes Publikum, welches er möglichst unterhalten möchte. Manche mögen die Pointen, manche nicht. Das gehört zum Geschäft und das ist jedem bewusst. Bei Privatpersonen untereinander sieht das schon anders aus. Da sollte auf die Gefühlslage des jeweils anderen Rücksicht genommen werden und hier die Grenze der Respekt- und Geschmackslosigkeit selbstverständlich deutlich niedriger gesetzt werden.

Dieselben Fragen wie oben stellen sich im Übrigen auch im Falle von Satire, nicht nur nach den traurigen Ereignisse in Paris um das Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Darf man eine Symbolfigur der zweitgrößten Religion auf Erden so dermaßen verunglimpfen und verschmähen, wenn sie das Potential hat, solch einen großen Aufruhr in der islamischen Welt zu verursachen? Aus etwas aktuellerem Anlass: Darf man Hitler und den Antisemitismus wie im Buch „Er ist wieder da“ von Timur Vermes in der modernen Zeit zum Leben erwecken und diese Fantasien und Weltanschauungen wieder auferleben lassen?

Laut dem Duden definiert sich Satire durch eine „Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt“. Sei es nun das Karikaturmagazin „Charlie Hebdo“, die Satire TV-Show „Willkommen Österreich“ oder die Online-Satire „Die Tagespresse“, alle verstecken sich unter dem Deckmantel der „Satire“. Jesko Friedrich, Satiriker bei der NDR, meint dazu:

„Satire (…) will – nach Möglichkeit unterhaltsam – informieren, aber vor allem eine klare und kritische Meinung äußern und deutlich Stellung zu aktuellen Ereignissen beziehen. Darüber hinaus will sie ihrem Publikum ein Bewusstsein all dessen vermitteln, was im Lande nicht funktioniert oder falsch läuft. Im besten Falle lacht der Zuschauer, lernt etwas dabei und setzt diese Erkenntnis dazu ein, aktiv an der Beseitigung von Missständen mitzuwirken.“

Das ist das absolute best-case Szenario, wie der worst-case aussieht hat man an den Folgeereignissen nach den erstmaligen  Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed als Terroristen in der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ im September 2005 gesehen. Willkommen …sterreich mit Stermann&GrissemannKann man unter Satire nun wirklich alles zum Ausdruck bringen, ohne auf jegliche Grenzen der Pietät achten zu müssen? Aus österreichischer Sicht blieb auch die Folge von „Willkommen Österreich“ vom 23.10.2008 in Erinnerung, als Christoph Grissemann und Dirk Stermann den Tod des Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haiders wenig später verunglimpften und sich über dessen Tod lustig machten, was viele abgesagte Auftritt und auch Gewaltandrohungen zur Folge hatte.

Während die einen meinen, es gibt keine Grenze für Satire, meinen die anderen, dass es diese sehr wohl gibt, auch wenn sie sehr schwammig verläuft. Jesko Friedrich klärt auf, dass Satire einen natürlichen Feind haben muss, der einen hohen Status in der Gesellschaft haben muss. Darüber hinaus muss Satire ein bestimmtes Ideal verfolgen („Wer ist der Feind? Wer ist verantwortlich für einen (veränderbaren) schlechten Zustand?“), zu dessen Zweck es die Satire betreibt. In „Er ist wieder da“, versucht Timur Vermes den Mythos Adolf Hitler in der heutigen Zeit ins Lächerliche zu ziehen und diesen zu entschärfen. Schwierig wird es allerdings, Satire auch tatsächlich als solche zu verstehen und diesen nicht vor zu vielem Zynismus letztendlich doch zu verherrlichen.

Die Frage nach der moralischen Grenze wird auch weiterhin von geteilten Meinungen geprägt und letztendlich unbeantwortet bleiben. Eines ist jedoch wichtig: Spaß und Satire sollten auch als solche verstanden werden. Um es in Chris Talls Worten auszudrücken: „Ihr müsst mehr lachen!